Medlounge Studie Fachkräftemangel

Initiative „gesundheitswirtschaft rhein-main“ fordert konzertierte Aktion gegen drohenden Fachkräftemangel

Ohne strukturelle Veränderungen fehlen der Rhein-Main-Region in den nächsten 20 Jahren möglicherweise bis zu 120.000 Arbeitskräfte in der Gesundheitswirtschaft, vor allem Ärzte, Pflegekräfte und Ingenieure. Zu diesem Ergebnis kommt die heute vorgestellte gemeinsame Studie der Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main e.v., der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main und der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain e.V. „Wir brauchen eine konzertierte Aktion, um Fachkräfte zu gewinnen und zu binden“, forderte Florian Gerster, Vorsitzender der Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main e.v.

Die größten Fachkräfteengpässe seien im personalintensiven Gesundheits- und Sozialwesen zu erwarten. Hier könnten bis zum Jahr 2030 bis zu 92.000 Fachkräfte fehlen, darunter bis zu 15.000 Akademiker. 28.000 Fachkräfte könnten in der Gesundheitsindustrie fehlen, also im verarbeitenden Gewerbe, dem Handel und den Weiteren Einrichtungen. Hier werden vor allem Ingenieure knapp.

Ob der Fachkräftemangel tatsächlich solch dramatische Ausmaße annimmt, hängt nach Einschätzung von Florian Gerster aber auch davon ab, ob die älter werdenden Menschen etwa durch mehr Gesundheitsvorsorge länger gesund bleiben und Ärzte von Verwaltungsarbeit entlastet werden. In einem solchen Falle würden 2020 lediglich 1.000 Ärzte fehlen. Bis 2030 würde dieser Fachkräftemangel jedoch trotz eines optimistischeren Szenarios bis auf ca. 2.500 Mediziner zunehmen. Auch im nichtärztlichen Bereich fehlen in den nächsten 20 Jahren selbst bei optimistischen Annahmen fast 7.500 Vollzeitkräfte.

Sechs-Punkte-Agenda

Die Rhein-Main-Region hat nach den Worten von Florian Gerster Möglichkeiten, den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Zu diesem Zweck habe die Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main e.v. eine „Sechs-Punkte-Agenda“ vorgelegt. So müsse die Region stärker für sich als starken Standort der Gesundheitswirtschaft werben, was bisher kaum geschehe. Hier sei zum Beispiel eine Imagekampagne sinnvoll. Weil viele im Ausland angeworbene Ärzte und Pflegekräfte wegen massiver Sprachprobleme schon nach wenigen Monaten wieder die Heimreise anträten sei es sinnvoll, in der Region zentrale, fachbezogene Sprachkurse anzubieten, um diese hohe Rückkehrer-Quote zu senken. Ebenso müssten die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen familienfreundlicher werden, damit mehr Frauen mit Kindern arbeiten oder nach der Babypause wieder in den Beruf zurückkehren könnten. Moderne Arbeitszeitmodelle, zum Beispiel für die Jahres- und Lebensarbeitszeit mit verbesserten Vergütungen, seien ebenso ein sinnvoller Weg, wie Modellprojekte zur Neuverteilung ärztlicher und nichtärztlicher Tätigkeiten oder zur ambulant-stationären Vernetzung.  „Solche Aktivitäten sind gegenwärtig allenfalls in Ansätzen erkennbar“, so Florian Gerster, Vorsitzender der Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main bei der heutigen Pressekonferenz. „Wir werden jetzt auf Städte, Unternehmen, Unternehmens- und Wirtschaftsverbände und den neuen Regionalverband FrankfurtRheinMain zugehen, um gemeinsame Lösungs-Strategien zu entwickeln“, so der Vorsitzende.

Fachkräftemangel ist Gift für die Wirtschaft

Fehlende Fachkräfte in der Gesundheitswirtschaft seien Gift für das Wirtschaftswachstum in der Region. Rhein-Main gehört zwar zu den wirtschaftlich stärksten und gesündesten Metropolregionen in Deutschland. Diese führende Position sei aber in Gefahr, wenn durch fehlende Fachkräfte Innovationen ausblieben, Forschungsergebnisse nicht schnell genug in marktfähige Produkte umgewandelt sowie medizintechnische und pharmazeutische Erzeugnisse nicht nachfragegerecht hergestellt und vertrieben werden könnten.

Vor dem Hintergrund des Wirtschaftswachstums in der Region machte Matthias Gräßle, Hauptgeschäftsführer der IHK Frankfurt am Main, auf den branchenübergreifenden Fachkräftemangel aufmerksam. „In den nächsten fünf Jahren werden in FrankfurtRheinMain jährlich durchschnittlich mehr als 150.000 Fachkräfte fehlen. Allein in Frankfurt sowie in den Kreisen Hochtaunus und Main-Taunus sind es im Durchschnitt 90.000“, betonte Gräßle. Sowohl die Gesundheitswirtschaft als auch alle anderen Branchen benötigten daher dringend Unterstützung von der Politik. „Die Unternehmen haben zwar erste Maßnahmen ergriffen, um beim Fachkräfteengpass gegenzusteuern.“ Dringend erforderlich sei es jedoch, dass Wirtschaft und Politik ihre Kräfte bündelten und in nächster Zeit gemeinsam auf den vier Handlungsfeldern ‚Weiterbildung und Weiterbeschäftigung älterer Arbeitnehmer‘, ‚Vereinbarkeit von Familie und Beruf‘, ‚Berufsorientierung von Schülern‘ und ‚gesteuerte Zuwanderung‘ aktiv würden. „Unter dieser Voraussetzung ist der Fachkräfteengpass kein unabwendbares Schicksal, sondern vielmehr eine Chance für die Region im Wettbewerb um den leistungsstärksten Wirtschaftsstandort.“

Prof. Dr. Wilhelm Bender, Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain, wies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Rhein-Main als Pharmastandort hin: „Die Pharma-Branche ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor der Region. Mit der Etablierung eines ‚House of Pharma‘ könnte die Metropolregion FrankfurtRheinMain an die Vergangenheit als ‚Apotheke der Welt‘ anknüpfen und zu einem Kompetenzzentrum für Pharma und einem noch interessanteren Standort für nationale und internationale Spitzenfachkräfte werden“, so Prof. Bender.

Autoren der Studie „Fachkräfteentwicklung der Gesundheitswirtschaft in der Rhein-Main-Region“ sind Dr. Dennis A. Ostwald (Geschäftsführer), Wolf-Dieter Perlitz, Martin Weber und Johannes K. Weibl vom Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR.


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Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main und der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain e.V. für die Hilfe bei der Finanzierung dieser Studie.